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Der schwierige Patient
Wie Männer mehr für ihre Gesundheit tun können

Ein Bericht in Vigo BLEIB GESUND
Das Magazin der AOK Rheinland 5, 2002


“Neue Männer braucht das Land“, verlangt Rockröhre Ina Deter. “Männer haben’s schwer“, befindet Ruhrpottbarde Herbert Grönemeyer. Tatsächlich krankt das starke Geschlecht. Eine Laune der Natur - oder woran liegt’s?

"Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben, muss wirken und streben“, beginnt Friedrich Schiller sein Lied von der Glocke. Verse aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert, längst überholt? Mitnichten. Das Selbstverständnis vom harten Kerl und Ernährer prägt noch heute viele Männer. Doch aus gesundheitlicher Sicht steht fest: Das starke Geschlecht schwächelt. Männer haben eine statistische Lebenserwartung von 73 Jahren und sterben damit im Schnitt sechs bis sieben Jahre früher als Frauen. Sie sind häufiger chronisch krank und ziehen bei Problemen wie Bluthochdruck den Kürzeren. Männergesundheit - eine Minusvariante der Natur?
“Grundsätzlich ist Gesundheit eine Menschengesundheit, viele Probleme sind bei Männern und Frauen gleich“, antwortet Prof. Dr. med. Dr. h. c. Herbert Rübben, Direktor der Urologischen Klinik und Poliklinik in Essen. “Die einzige messbare biologische Eigenheit des Mannes ist - abgesehen von den Organen - der Hormonhaushalt.“

Was dann erklärt die schlechte Bilanz bei Adams Söhnen? Eine Ursache ist ein typisch männlicher Umgang mit den eigenen Ressourcen. “Im Vergleich zu den Frauen ernähren sich Männer schlechter, sie rauchen und trinken mehr, denken weniger an ihre Gesundheit und kennen ihre Körperdaten nicht. Den Blutdruck messen zu lassen, kommt bei vielen schon einem Eingeständnis von Krankheit gleich,“ weiß der Urologe und Sexualmediziner Prof. Dr. Günther Jacobi. Diese Laissez-faire-Haltung schlägt negativ zu Buche; die Volkskrankheiten Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes fallen bei Männern häufiger zusammen. “Mit diesem ’Trio Infernale’ haben sie tatsächlich schlechte Karten“, resümiert der Duisburger Facharzt.

 

Medizinmuffel Mann


Weitere Minuspunkte sammeln Männer als Untersuchungsmuffel. Nur 18 Prozent nehmen jährlich die Früherkennungsangebote wahr. Bei den Frauen sind es 40 Prozent. “Und wenn der Mann zum Arzt geht, geht er spät - oft erst, wenn die Frau darauf drängt“, erlebt Prof. Dr. Jacobi immer wieder. “Viele hindert die Scham. Das letzte Mal sind sie bei der Musterung untersucht worden. Da wundert es nicht, dass sie die Situation als besonders unangenehm empfinden. Ein weiterer Grund", so Prof. Dr. Jacobi, "ist eine falsch verstandene Sicherheit vieler Männer: 'Mir tut nichts weh, also bin ich gesund' - so kann man das leider nicht sehen. Und bei denen, die bereits Beschwerden verspüren, tritt zusätzlich die Angst vor der Diagnose auf die Bremse.“
Regelmäßige Checks würden dagegen Routine verleihen - und mehr Sicherheit. Männern, die im Vorjahr ein beruhigendes Ergebnis hatten, fällt der Gang in die Praxis wesentlich leichter als denjenigen, die lange nicht untersucht wurden.

Darüber hinaus kennt Prof. Dr. Jacobi Kandidaten, die glauben, man könne eh nichts unternehmen. Oder die Probleme wie Potenzstörungen für eine normale Alterskrankheit halten, mit der sie leben müssen. Auch Urologe Dr. Dieter J. Brück vom AOK-Servicecenter Clarimedis ist erstaunt, wie groß die Unsicherheit männlicher Patienten auf vielen Gebieten ist. “Zum einen resultiert sie sicher aus dem fehlenden Interesse für die eigene Gesundheit. Aber sie hängt ebenso mit dem ’delikaten Thema’ zusammen. Noch immer bestehen im Bereich Männergesundheit zahlreiche gesellschaftliche Tabus, die beseitigt werden müssen.“

 

Brauchen wir einen Männerarzt?


Könnte vielleicht die Berufung eines speziellen Männerarztes, parallel zum Frauenarzt, die Lage bessern?
Prof. Dr. Jacobi hält das für überflüssig: “Der Urologe ist im Grunde der Männerarzt und braucht dazu kein spezielles Prädikat. Er behandelt zwar auch viele Frauen und Kinder, ist aber der Facharzt für Erkrankungen der ableitenden Harnwege und des männlichen Genitale. Zu ihm kommen die Männer. Er sollte jedoch breit ausgebildet sein. Aus urologischer Sicht sekundäre Erkrankungen wie einen erhöhten Blutdruck muss er erkennen und den Patienten entsprechend vermitteln. Auch Risikofaktoren wie eine mangelhafte Ernährung oder einen hohen Alkoholkonsum muss er berücksichtigen.“
So sieht das auch Clarimedis-Arzt Dr. Brück. “Neben der Vermittlung allgemeiner Gesundheitsratschläge sollte er seinen Patienten zudem in seelischen Nöten betreuen können. Wie Männer mit Ratschlägen und Diagnosen umgehen, ist im wesentlichen abhängig von der Kommunikation zwischen Arzt und Patient.“ Prof. Dr. Rübben betont zudem die fachliche Kompetenz des Urologen. “Die Bestimmung des Prostata-spezifischen Antigens zum Beispiel könnte jeder Arzt durchführen und den Mann gegebenenfalls in die urologische Praxis überweisen. Der verfügt über wissenschaftliche Daten, interpretiert die Ergebnisse, führt weitere Untersuchungen und die Therapie durch.“

 

Forschung vorantreiben


Handlungsbedarf sieht der Direktor der Essener Klinik und Poliklinik für Urologie auch in der Forschung. “Im Grunde wird das Gebiet Männergesundheit in Deutschland stiefmütterlich behandelt. Aufgrund der Tatsache, dass 2030 etwa 35 Prozent der deutschen Bevölkerung älter als 65 Jahre sein werden, wird für die Urologen besonders der Themenkomplex ’aging male’, der älter werdende Mann, wichtig.“ Um auch andere Gebiete voranzutreiben, haben sich innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Düsseldorf Arbeitsgruppen mit Forschungsschwerpunkten vernetzt. Sieben Universitätskliniken sind beteiligt. In Essen liegt der Fokus auf Tumoren.

Dafür kündigt sich in der Bevölkerung allmählich eine Trendwende an. So kamen zum ersten Duisburger Männergesundheitstag 2002 im März wesentlich mehr Männer - und auch Frauen - als erwartet und nutzten kostenlose Früherkennungs-Untersuchungen. Initiiert hatte das Laien- und Ärzteforum Prof. Dr. Jacobi als Vorsitzender des Allgemeinen Vereins für Urologie und urologische Onkologie Rhein-Ruhr (AVUR). Auch für die Vorsorge warben die Mediziner. Denn die kommt noch vor der Früherkennung und beginnt im Privaten: Gute Ernährung, ausreichend Bewegung, Stressmanagement und ein funktionierendes soziales Netz helfen, gar nicht erst krank zu werden. Die Herren der Schöpfung können ihre im Vergleich zu den Frauen schlechtere Gesundheitsbilanz also durchaus ändern. “Dem Manne kann geholfen werden“, um es noch einmal mit Schiller zu sagen.

 

Die Leiden der Männer


Hypertonie: Bluthochdruck bereitet kaum Beschwerden, führt aber unbehandelt zu Folgekrankheiten wie Nierenschäden, Herzversagen, Schlaganfall.

Diabetes mellitus: Risikofaktoren für eine Zuckerkrankheit sind Übergewicht, wenig Bewegung, viel Stress, Rauchen und Bluthochdruck.

Adipositas: Übergewicht steigert das Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ist nach dem Rauchen die häufigste Todesursache.

Gutartige Prostatavergrößerung: Die urologische Erkrankung, die etwa 30 Prozent aller Männer in ihrem Leben entwickeln.

Prostatakrebs: Nach dem Lungen- und vor dem Dickdarmkrebs die häufigste Tumorerkrankung.

Sexualstörungen: 20 Prozent aller Männer leiden in unterschiedlichem Umfang an einer Potenzstörung.

Hormonprobleme: Veränderungen wie ein sinkender Testosteronspiegel im Alter können die Gesundheit beeinträchtigen.

Hodentumor: Er macht nur 1 Prozent der Krebserkrankungen aus, ist aber der typische Tumor in der Altersgruppe von 20 und 35 Jahren.

 

 

Von Söhnen und Jägern
Vier Fragen an die Kölner Diplom-Psychologin Petra Fritz


Wie gehen Männer mit ihrer Gesundheit um?

Es gibt zwei Haupttypen: Der “eingebildete Kranke“ jammert, er sei krank, und setzt das in der Beziehung ein. Er will erreichen: kümmere dich um mich. Der “Arnold Schwarzenegger“ ist dagegen der starke Mann, der keine Schwächen zeigt und Krankheit verdrängt. Beide gehen nicht zur Vorsorge. Der erste braucht die Krankheit, weil er sie in der Partnerschaft funktionalisiert hat. Der zweite weist krank sein von sich. Es gibt auch Mischtypen und Pendler, etwa die, die nie krank sind - und wenn doch, dann gleich sterbenskrank.

Warum leben sie riskanter als Frauen?

Männer haben nicht so wie Frauen gelernt, für sich selbst zu sorgen. Sie definieren sich nach außen über Leistung. Im Privaten ist dagegen die Lust auf Loslassen und Befriedigung groß. Das führt zu einer riskanteren Lebensweise. Viele Managertypen etwa sind suchtgefährdet. Zugleich sind Männer wenig sensibel für ihren Körper, über- oder unterbewerten Signale. Auch das beeinflusst den Lebensstil. Frauen haben durch Monatsblutung oder Schwangerschaft eine engere Beziehung zu ihrem Körper.

Wie weit greifen dabei männliche Rollenbilder?

Körpersensibilität wird dem Mann durch Erziehung abtrainiert. Einerseits wirkt das Beziehungsmuster Mutter-Sohn: Die Frau hat für ihn zu sorgen. Andererseits sehen sich Männer als Jäger und Krieger oder Intellektuelle. In allen Fällen vernachlässigen sie ihren Körper. Lange galt ein sich pflegender Mann sogar als Weichei. Das ändert sich zum Glück langsam.

Was sollten Männer ihrer Gesundheit zuliebe beherzigen?

Sie sollten sich fragen: Was heißt es eigentlich, “Mann“ zu sein? Denn das bedeutet: Sorge zu tragen, Verantwortung für sich und seine Gesundheit zu übernehmen, der Realität ins Auge zu sehen - und rechtzeitig zum Arzt zu gehen.

 

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