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Seelische Fitness [Psychohygiene]
„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede
Tugend zu ihrer Zeit
und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz zu jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andere, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der
uns hilft zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an
keinem,
wie an einer Heimat hängen, der Weltgeist will nicht fesseln uns
und engen,
er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt,
so droht erschlaffen!
Nur wer bereit zum Abschied ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung
sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen
Räumen jung entgegensenden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden:
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!"
"Stufen" ( Hermann Hesse ,1877-1962)
Auch Seele bringt Leistung hervor. Demzufolge kann man auch seelische
Leistungsfähigkeit und seelische Schwäche formulieren. Wir kennen
bestimmte Zentren im Zwischenhirn, in denen Neurotransmitter, also Botenstoffe
zur Regulierung des Gefühlslebens, zur Feineinstellung des Bewusstseins
und unserer wahrnehmenden Erkenntnis gebildet werden. Die Psyche hat
also
wie andere Funktionen eine biochemische Matrix. Wir projizieren unser
Seelenleben allerdings traditionell in die Herzgegend.
Psychohygiene - gelegentlich unsachgemäß
auch Psychoprophylaxe genannt - ist die Lehre von der Erhaltung der seelischen
und geistigen Gesundheit. Längst ist vielen bekannt, dass die Säulen
unserer Gesundheit insbesondere auf gesunder Ernährung, körperlicher
Arbeit, Bewegung/Sport und psychohygienischer Lebensführung ruhen.
Nur das Umsetzen dieser Erkenntnisse in unserem Alltag fällt uns
so schwer.
Psychohygiene umfasst sowohl die äußeren Rahmenbedingungen,
die sich ein Staatsvolk durch den Überbau der Gesetze selbst gestaltet,
als auch das Phänomen Salutogenese, welche die inneren Strukturen
und Möglichkeiten erforscht, die jedermann durch konkrete Ausformung
der individuellen Beziehungsgestaltung hat. Dazu gehört auch, wie
wir diese in der freiheitlichen, an Grundrechten orientierten Demokratie
planen und umsetzen können.
Salutogenese
Die ersten wissenschaftlichen Ansätze wurden bereits 1917 entwickelt.
Sie sind, nachdem diese vom Nationalsozialismus rassistisch missbraucht
worden waren, in unserer zeitgenössischen Kultur immer mehr aus dem
Blickpunkt öffentlichen Interesses geraten. Auch bestimmte Kreise
der Politik haben im Hinblick auf Wahltaktik, Machterhalt und materielle
Absicherung leider am Wertezerfall aktiv mitgewirkt. Wir haben unsere
Lektion als eine der westlichen Industrienationen gut gelernt. Fast alles,
was sich rentiert, schön macht, ein langes Leben verspricht und
gut tut, scheint erlaubt zu sein.
Gegen diese fatale Entwicklung sollte eine moderne, an Ganzheitlichkeit
orientierte Gesundheitspolitik den Prinzipien der Salutogenese oberste
Priorität einräumen. Nur so kann Gesundheit langfristig noch
für jedermann bezahlbar sein.
Die erste Formulierung des
Prinzips der Salutogenese stammt von Viktor von Weizsäcker. Am Schluss seiner 1930 erschienenen
Schrift „Soziale Krankheit und soziale Gesundheit“ schreibt
er:
„Die Gesundheit des Menschen
ist eben nicht ein Kapital, das man aufzehren kann, sondern sie ist überhaupt
nur dort vorhanden, wo sie in jedem Augenblick des Lebens erzeugt wird.
Wird sie nicht erzeugt, dann ist der Mensch bereits krank. Man kann den
Sozialkranken daher auch als einen Menschen bezeichnen, bei dem die beständige
Erzeugung der Gesundheit nicht mehr richtig erfolgt."
Tanz ums goldene Kalb
Erich Fromm, einer der bedeutendsten, deutschen Philosophen des vergangenen
Jahrhunderts, beschreibt in seinem Buch "Die Kunst des Liebens"
im Kapitel „Die Liebe und ihr Zerfall in der zeitgenössischen
Gesellschaft“ ebenso wie in "Haben und Sein" sehr eindruckvoll
die Zwänge und Mechanismen, die auch hierzulande immer mehr zum Zerfall
der Liebe führen. Auch die bekannte amerikanische Zwölf-Schritte
Therapeutin Anne Wilson Schaef beschreibt diesen selbst zerstörerischen
Mechanismus in ihrem Buch "Im Zeitalter der Sucht".
Der Paartherapeut Lukas Michael Möller spricht vom „Zeitalter
der narzistischen Störung“, in der das Konsumieren und Konsumiertwerden,
die Jugend, die Schönheit und der Erfolg zum Selbstzweck wird. Und
in der Menschen ohne Sinnfindung und ohne Liebe an ihrer oberflächlichen
Konsumentenhaltung seelisch verkümmern und letztendlich einsam zugrunde
gehen. Eine Kultur, in welchem das HABEN, das Kulissenschieben und das
Konsumieren immer mehr Vorrang vor dem SEIN hat, verdient nicht, als "Kultur“
bezeichnet zu werden. Denn unter solchen Bedingungen geht die Fähigkeit
zu lieben immer mehr verloren. Diese "Unkultur“ kann nicht
überdauern, denn sie ist eine Endzeitkultur, die uns unserer Lebensgrundlagen
beraubt. Ökologie, der gute Umgang
mit unserem Lebensraum, und Psychohygiene bedingen sich gegenseitig.
Das eine
ist ohne das andere nicht möglich. Beiden ist das Postulat der Nachhaltigkeit
zu eigen.
Allein die tradierte Rollenverteilung im Politischen, im Ökonomischen,
im Pädagogischen und Sozialen weist den Männern hierzulande
derzeit immer noch eine zentrale Stellung zu und räumt ihnen damit
eine besondere Verantwortung, aber auch Chancen ein.
Lassen Sie uns gemeinsam dem Gesetz des Wachstums, der Rendite und der
kalten Machtausübung das Gesetz der Liebe entgegenhalten. Wir sollten
uns in Europa unserer kulturellen Wurzeln wieder besinnen und uns der
allgegenwärtigen „MacDonaldisierung“ mit einem feurigen,
liebenden Herzen, mit Mut, dem Sinn für Gerechtigkeit und mit Zivilcourage
entgegenstellen.
Konsumverzicht im Zeitalter der Sucht
„Weniger ist mehr - im Verzicht liegt der Gewinn“; könnten
wir uns für diese Devise stark machen?! Wir haben unser Augenmerk
auf das genussreiche Konsumieren gerichtet. Dafür investiert die
Wirtschaft nicht umsonst jährlich Milliarden in psychologisch raffiniert
konzipierte, verführerische Werbung. Wir stürzen uns ständig
immer wieder aufs Neue in den Wettbewerb: erfolgreicher, schöner,
höher, schneller, reicher, intelligenter werden. Rivalität und
der Zerfall von tradierten Normen und Werten prägen in der neoliberalen
Informationsgesellschaft unser Bewusstsein. Kritische Denker reden von
"Kulturimperialismus“, wenn sie den - jeglicher Ethik beraubten
- medialen "Sex-and-Crime-Schund“ analysieren, mit welchem
wir unsere Jugend überfluten lassen.
Dass unsere körperliche Gesundheit, ganz besonders
aber unsere Liebesfähigkeit, durch Süchte aller Art auf der
Strecke bleibt, wird aus einer harten statistischen Zahl ersichtlich:
die durchschnittliche Ehedauer der bis 30jährigen beträgt gerade
einmal 2,8 Jahre. Dritt-, Viert-, Fünftbeziehungen kommen in allen
Gesellschaftsschichten in Mode. Der läppische und verharmlosende
Begriff Lebensabschnittspartner („LAP“) muss erschrecken.
Die Promiskuität, der Ehebruch droht zum Volkssport zu werden. Das
Fernsehen überträgt nachmittags Talkshows, wo Promiskuität
von 13-Jährigen mit Applaus bedacht und das Eintreten für Keuschheit
vor der Ehe mit Pfiffen und Johlen quittiert wird. Andere TV-Obszönitäten
zu Sendezeiten, in denen Eltern dem Broterwerb nachgehen und Kinder frei zappen,
erzeugen selbst bei Ärzten, Therapeuten und Sozialarbeitern
Gefühle von Ohnmacht, Kopfschütteln, ja, Abscheu. Halter von
Lebensführerscheinen
setzen sich in ihrem Bereich für eine „Entschrottung“
von Fernsehprogrammen und Ächtung menschenverachtender Programme
durch Boykott ein.
Soziale Kompetenz durch Zwiegespräche
"Die Wahrheit beginnt zu zweit" heißt ein wichtiges Buch,
in welchem Professor Michael Lukas Möller leicht nachvollziehbare
Wege beschreibt, die es uns durch das Erlernen des "Zwiegesprächs“
ermöglichen, die subjektive Wirklichkeit des Gegenübers zu erfassen
und zu würdigen. Ohne die Achtsamkeit und Liebesfähigkeit, werden
wir die subjektive Wirklichkeit unseres Partners nicht begreifen können,
sondern unsere eigenen Vorstellungen von unserer Wirklichkeit in ihn hinein
projizieren. Liebe bedeutet letztlich, dass der Liebende sein Augenmerk
darauf fokussiert, im Herzen des anderen wohnen zu wollen, um seine subjektive
Wirklichkeit verstehen und respektieren zu können. Und zwar ohne
sich dabei selbst zu verleugnen oder gar zu verlieren. Das bedeutet, dass
der Liebende sein Handeln am gemeinsamen Interesse, am Erhalt und Ausbau
der Wir-Identität orientiert und sich nachhaltig darum bemüht,
den Partner an seiner Seite glücklich zu wissen, ohne sich dabei
zu verleugnen oder gar aufzugeben. Das beinhaltet auch die Bereitschaft
zur „Unterbrechung der Ich-Befriedigung“, zum Verzicht. Dies
bedeutet den stetigen Aufbau von Frustrationstoleranz und der Bereitschaft,
keine Bedingungen zu stellen und die Fähigkeit, die jeweils gegenwärtige
Realität positiv zu konnotieren.
Die alten Rollen sind nicht mehr gefragt. Im Zeitalter der Emanzipation
und Gleichberechtigung müssen Männer angestammte Macht abgeben,
abrüsten und neue Antworten geben auf die Fragen, die das moderne
Leben heute tagtäglich immer wieder neu stellt. Rollenflexibilität
heißt, die neue Herausforderung mutig und kraftvoll annehmen. Denn
wenn jeder Bürger und jede Bürgerin einen Beruf erlernen kann
und auch sollte (weil ein Verdiener alleine eine Familie nicht mehr ernähren
kann), so bedeutet dies für uns Männer den so oft strapazierten
Paradigmenwechsel: Männer müssen (wieder) tunlichst alle Fertigkeiten
erlernen und in sich vereinen, die sie autonom, demokratisch und liebesfähig,
und damit für moderne Frauen wieder attraktiver machen. Starke, emanzipierte
Frauen wollen mental starke, seelisch gesunde, selbstbewusste und liebesfähige
Männer, und erziehungskompetente Väter für ihre Kinder.
Sie brauchen keine Maskenmänner und keine Kulissenschieber, keine,
die den Kopf in der Sand stecken, nicht sehen, nicht hören, nicht
fühlen. Sie wollen keine Männer, die sich hilflos in althergebrachter
Manier an alten Rollenstereotypen festklammern.
Situationsangemessene Antworten geben auf die Herausforderung, die das
moderne Leben an uns stellt, so heißt die Parole. Die angestammte
Führung in der Liebesbeziehung nur aufgrund unserer Geschlechtszugehörigkeit
gibt es nicht mehr. Wenn wir Männer weiterhin führen wollen,
dann müssen wir unseren Führungsanspruch durch umfassenden Erwerb
an Kompetenz und Expertise erst verdienen: soziale Kompetenz, Achtsamkeit,
Partnerfähigkeit, Liebesfähigkeit, Erziehungsfähigkeit.
Wo zwei Menschen zusammen sind, ergeben sich naturgegeben unterschiedliche
Interessen und Bedürfnisse. Streiten lernen ist zur konstruktiven,
gewaltlosen Lösung von Konflikten unabdingbar notwendig. Männer
führen Dialoge anders als Frauen. Die Art und Weise, wie wir streiten,
entscheidet darüber, ob wir einen Kompromiss finden, bei dem keiner
unterliegt, oder, ob wir uns unwiederbringlich auseinander bewegen. Wer
sich im Streit durch eine verletzende Aussage angegriffen oder gar abgewertet
fühlt, verspürt eine physiologische Abwehrreaktion, eine Somatisierung.
Diese kann sich äußern in einem Engegefühl in der Brust,
im Kiefer, im Rücken, im Bauch oder in den Schultern. Die Muskeln
und Arterien ziehen sich zusammen, schalten quasi auf "Verteidigung“
um, der Blutdruck erhöht sich. Gefühlvolles Darlegen und Diskutieren
der unterschiedlichen Wirklichkeiten verhindern die Eskalation und schaffen
das Gefühl der Verbundenheit. Durch Erlernen und Ritualisierung des
konstruktiven und kontrollierten Dialogs, durch das oben schon erwähnte
Zwiegespräch, entsteht eine Wir-Identität, die eine wesentliche
Immunisierung gegen den schleichenden Zerfall der Liebe bewirken kann.
Aber es geht nicht nur um das Streitgespräch zur Klärung von
Konflikten, sondern auch um das wöchentliche, ritualisierte Zwiegespräch,
in welchem sich ein Paar "wechselseitig einfühlbar macht“.
Dann redet jeder nur von sich, auf jedwede Kolonialisierung wird verzichtet,
und jeder zeichnet verbal sein Selbstporträt in allen Schattierungen.
Jeder gibt Auskunft darüber, wie er es sieht und was er dabei empfindet,
was er sich wünscht und warum er sich das so wünscht und nicht
anders. Solche Zwiegespräche führen zu mehr Transparenz und
tragen somit zur Vertrauensbildung bei. Ein wesentlicher therapeutischer
Aspekt dieser heilsamen und entwicklungsförderlichen Kommunikationsform
ist insbesondere bei Männern die Vertiefung der Selbstexploration.
Dadurch, dass unsere Partnerin sich für die subjektive Wirklichkeit
des Mannes interessiert und aktiv zuhört, kann dieser in Ruhe vertieft
über sich selbst nachdenken und sich umfassend Auskunft darüber
geben, wer er in Wahrheit ist. Somit ist diese Form der Kommunikation
eine wesentliche Hilfe zur kontinuierlichen Entwicklung einer eigenen
Persönlichkeits-Inventur. So werden neue Zielsetzungen für Persönlichkeitsveränderungen
und zielführendes Verhalten möglich.
Inventur üben, Verzicht
und Wahrhaftigkeit erwerben
Pater Hugo M. Enomya-Lassalle, der die Zen-Meditation in die deutschen
Klöster gebracht hat, beschreibt das Erleuchtungserlebnis eines indischen
Philosophen, der in der Selbsterforschung und der Selbstfindung durch
die meditative „Wesensschau“ eine wesentliche Grundlage für
seelische Gesundheit und somit auch für das individuelle Glückserleben
erkennt. Er betont: "Wenn das Eine (das Selbst) gefunden ist, lösen
sich alle anderen Probleme von selbst auf; solange dieses nicht gefunden
ist, nehmen die Probleme, die gelöst sein wollen, kein Ende!“ .
Zwiegespräche, sich wechselseitig einfühlbar
machen, Lösungen entwickeln, wo keiner unterliegt, achtsam mit sich
und dem anderen, mit der Familie, den Freunden, den Kollegen, der Firma
umgehen, das sind für den modernen Menschen die Herausforderungen,
die angesagt sind. Das setzt ständige Selbstreflexion, Introspektion,
Selbstfindung und tägliches Inventur-Machen voraus. Nur wer weiß,
wer er in Wirklichkeit ist, weiß auch, was er will. Männer
und Frauen können ihre innere Ethik entwickeln, ihr Handeln an den
eigenen Normen und Werten ausrichten, und somit ihre Vorstellungen von
einem erfüllten Leben gestalten und tagtäglich immer wieder
neu umsetzen. All dies ist wirksame Prävention vor Befindlichkeitsstörung
und Krankheiten.
Selbstverwirklichung, Sich-selbst-treu-sein,
authentisches Handeln erfordern aber die Bereitschaft zum Verzicht,
die Unterbrechung
der Ich-Befriedigung, d.h. den Aufbau von Frustrationstoleranz. Nur über
diesen Weg können wir uns selbst und unsere Schatten sowie unsere
tieferen Schichten erkennen. Hierüber können wir uns Kraftquellen
erschließen, die, wenn sie einmal sprudeln, sich immer wieder selbst
nähren und somit niemals versiegen.
„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht - und wenn er auch die
Wahrheit spricht!“ sagt der Volksmund. Und wer hat es nicht schon
als Kind, sondern auch als Erwachsener noch zu hören bekommen. Eine
Lüge zieht immer weitere Lügen nach sich, bis man sich in immer
komplexer werdenden Lügengebäuden mehr und mehr verstrickt,
und schließlich die Lüge selbst für wahr hält. Kinder
lügen zumeist aus Angst vor den zu erwartenden Folgen der Bestrafung.
Mancher hat diese Unart unreflektiert in sein Erwachsenenleben hinüber
"gerettet“ und nicht bedacht, dass er durch die Inanspruchnahme
der Lüge sich selbst nur abwerten kann. Ohne Wahrhaftigkeit gibt
es letztlich kein Vertrauen; und ohne Vertrauen gibt es keine dauerhafte
Liebe.
Psychohygiene heißt auch Beichten. Es ist besser
zu beichten, statt mit der Lüge zu leben! Ob in indianischen Religionen,
im Christentum, im Buddhismus, im Islam oder Judentum, überall ähneln
sich die Praktiken, mit jemandem seine dunkelsten Geheimnisse zu teilen.
Alle Völker scheinen die reinigende und befreiende Wirkung der Beichtrituale
verstanden zu haben. Denn wer im Zwiegespräch oder auch öffentlich
einen Fehler eingesteht, erfährt Mitgefühl, baut damit emotionalen
Stress ab und beugt Krankheitssymptomen vor. Auch in dem seit Jahrzehnten
weltweit wirkungsvollsten Selbsthilfekonzept der anonymen Zwölf-Schritte-Selbsthilfegruppen
empfiehlt der fünfte Schritt dieses „Genesungsweges“:
„Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen unverhüllt
unsere Fehler zu“. Beichtrituale befreien von quälenden Schuldgefühlen,
die zerstörerisch auf das Immunsystem wirken und uns für Infektionen
und andere Krankheiten vielerlei Art anfällig machen.
Meditation und das Heute-Prinzip
Das Arbeiten an sich auf gutem spirituellen Fundament ist eine erfolgreiche
psychohygienische Maßnahme. Meditation und die Anwendung des Heute-Prinzips
sind die direktesten Wege zur Selbstfindung. Durch tägliche Meditation,
Hypnose oder autogenes Training beeinflussen wir zusätzlich unseren
Stoffwechsel und unser Immunsystem nachhaltig und tragen somit auch zur
somatischen Gesunderhaltung bei. Durch das Erlernen von Imaginationsübungen
zur Aktivierung des "inneren Freundes“ oder "inneren Arztes“
und der Visualisierung von "Bildern des Gelingens“ kann der
Heilungserfolg in der Therapie und Nachsorge von Krebskrankheiten durch
die stabilisierende Wirkung auf das Immunsystem wesentlich unterstützt
werden. Es ist unschwer nachvollziehbar, dass die täglich angewandte
Meditation durch ihre psychoimmun-biologische Wirkung auch eine wirkungsvolle
präventive Maßnahme im Hinblick auf eine verminderte Erkrankungsanfälligkeit
darstellt. Insbesondere die Zen-Meditation, die von Hugo M. Enomiya-Lassalle
von Japan nach Europa gebracht und zunächst in das meditative Leben
der Beschaulichkeit deutscher Klöster eingebaut wurde, gilt in Fachkreisen
als der "steilste, aber auch effizienteste Weg zur Erleuchtung“.
Auch in der evangelischen Kirche gibt es inzwischen Pfarrer mit zusätzlicher
Lehrbefugnis als Zen-Meister, die überall in Deutschland kleine
Meditationsgruppen aufbauen.
Das „Heute Prinzip - der gegenwärtige Moment“
ist ein wesentlicher philosophischer Grundpfeiler für die Fähigkeit,
dauerhaft - auch nach erlebtem Leid - immer wieder Glück zu erleben
und unser Leben in positiver Weise zu meistern. Eine uralte asiatische
Sinnspruchweisheit aus dem Sanskrit, der heiligen Sprache der Brahmanen,
die schon längst nicht mehr gesprochen, aber in einer Schrift überliefert
wurde, besagt:
„Sei
Dir jedes Tages bewusst, denn er ist das Leben,
das Leben alles Lebens.
In seinem kurzen Ablauf liegt die ganze Wirklichkeit und Wahrheit des
Daseins,
die Wonne des Wachsens, der Ruhm der Tat und die Herrlichkeit der Kraft.
Denn das GESTERN ist nur ein Traum -
und das MORGEN eine Vision!
Das HEUTE aber, richtig gelebt,
macht das GESTERN zu einem Traum voller Glück -
und das MORGEN zu einer Vision voller Hoffnung:
Deshalb sei Dir jedes Tages bewusst!“
Das positive Denken, das
positive Konnotieren der Realität
macht uns zu Alchemisten, zu Lebenskünstlern, die ohne zu hadern,
sich angstfrei ganz auf die konstruktive Gestaltung ihrer Wirklichkeit
mit dem Hintergrund einer positiven Erwartungshaltung für die Zukunft
konzentrieren können. Folgende positive Suggestionen können
unser Persönlichkeitswachstum fördern und uns quasi Flügel
verleihen. Diese Suggestionen sind gesundheitsfördernd:
- So, wie es ist, ist es gut, und so wie es sein
wird, wird es gut sein!
- Herr, Dein Wille
geschehe!“
- Ich vertraue Gott, so wie ich ihn verstehe.
- Loslassen und Gott überlassen!
- Ich vertraue meiner
höheren Macht und meiner
wachsenden Fähigkeit, immer eine situationsangemessene Antwort
geben zu können auf die Fragen, die das Leben mir zukünftig
stellen wird.
- Alles wird gut!
„Spiritualität ist
eine Gabe. Sie wird jenen zuteil, die vertrauen. Sie geschieht denen,
die lieben, die von ganzem Herzen lieben. Jedermann ist ein verheißungsvoller
Mensch, denn wir alle tragen Gott als unser höchstes Erblühen
in uns“, sagt Osho in Mojud - der Mann mit dem unerklärlichen
Leben.
Psychosoziale Netzwerke
Unterstützung durch und in Gruppen, d.h. der Aufbau sozialer Netzwerke,
sind weitere Voraussetzungen für die Stabilisierung unserer Abwehrkräfte
gegen Krankheiten und seelische Nöte. Wissenschaftliche Studien haben
gezeigt, dass Menschen, die in intakten Gruppen wie in einer Familie oder
einem intakten Freundeskreis leben, Krankheiten besser abwehren. Selbsthilfegruppen
können Menschen helfen, nicht nur ihr Krankheitsproblem besser zu
verstehen, sondern Einsamkeit und Isolation zu überwinden.
Selbsthilfegruppen sind soziale Netze, auf welche wir zurückgreifen
können, wenn wir in Not sind. Wie eng diese Netze geknüpft sein
müssen, um effizient zu wirken, hängt von deren primärer
Zielsetzung ab. Selbsthilfegruppen sind nicht nur Frauensache. In den
unten genannten Gruppen sind Männer sogar auf einem Feld überrepräsentiert,
nämlich bei den Alkoholabhängigen und anderweitig Süchtigen.
Am effektivsten arbeiten die anonymen 12-Schritte-Selbsthilfegruppen,
die sich aus den „Anonymen Alkoholikern“ (AA) und deren Gründern
Bill und Dr. Bob in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts
in Amerika entwickelt haben. Mit den 12 Schritten und 12 Traditionen weisen
sie einen hoch wirksamen Genesungsweg auf, der häufig selbst dann
noch greift, wenn die naturwissenschaftlichen Therapieansätze auf
Dauer gescheitert sind.
Gerade diese Gruppen haben den Gelassenheitsspruch des Theologen Friedrich
Christoph Oetinger zu einem ihrer zentralen Slogans erkoren: „Gott, gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht
ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern
kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
In der Bundesrepublik gibt es ein ausgebautes Netz dieser 12-Schritte-Selbsthilfegruppen,
die neben den Anonymen Alkoholikern (AA) auch noch die AL-ANON-Familiengruppen
für Angehörige von Alkoholikern, für erwachsene Kinder
suchtkranker Eltern (EKS) sowie die AL-ATEEN für Kinder von Alkoholikern
umfassen. Außerdem arbeiten erfolgreich über 20 weitere Selbsthilfegruppen:
für depressive und ängstliche Menschen (EA), für Raucher
(AR), für Drogen- und Tablettenabhängige (NA), Spielsüchtige
(GA), Esssüchtige (OA), Coabhängige (CoDA), Sexsüchtige
(AS), Inzestüberlebende (ISA), Borderliner (BA) und für eine
Gruppe lebensbedrohlich erkrankter Menschen (MTC). Allen diesen Gruppen
ist gemeinsam, dass sie nicht mit professioneller Hilfe arbeiten, sondern
nur mit Ansprechpartnern auskommen, die selbst betroffen sind und das
jeweilige Meeting regelmäßig vor Ort leiten. Die für
alle verbindlichen zwölf Traditionen regeln die Anonymität,
die religiöse und wirtschaftliche Unabhängigkeit, die innere
Struktur mitsamt den Regularien, die zu stetigem Wachstum und zu weltweiter
Verbreitung beigetragen haben. Es ist schon faszinierend zu erleben, wie
eine Selbsthilfeorganisation, die nur aus Betroffenen besteht und wegen
des Erhalts ihrer Unabhängigkeit keinerlei finanzielle Zuwendungen
oder öffentliche Mittel anstrebt, trotzdem oder gerade deswegen (?)
stetig wächst. Eine Finanzierung erfolgt lediglich aus freiwilligen
Hutsammlungen und aus dem Verkauf der eigenen Literatur. Aus Gründen
der zu erhaltenden Unabhängigkeit wurde vor Jahren die Ehrung durch
den Friedensnobelpreis abgelehnt.
Das einzige Motiv, dazugehören zu wollen, ist der ehrliche Wunsch
nach Persönlichkeits- und Verhaltensänderung, die aus der tiefen
Erkenntnis über die eigene Störung erwächst. Es werden
in diesen Gruppen keine Vorschläge gemacht oder Ratschläge erteilt.
Jeder redet nur von sich und seinen Gefühlen und Erfahrungen. Es
gibt keinerlei direktes Feedback in diesen Gruppen. Nur das
assoziative, authentische Mitteilen der eigenen Erfahrungen, Gefühle
und Erkenntnisse, die das individuelle Outing des Vorredners
bei einem auslöst,
sind die wundersamen Heil- und Wirkkräfte, die den Erkenntnisgewinn
und die Veränderungsbereitschaft nachhaltig fördern. Nur wer
sich intensiv mit diesem "Genesungsweg“ auseinandersetzt, kann
begreifen, warum man dort von "ansteckender Gesundheit“ spricht.
Es ist schwer nachvollziehbar, warum die Institutionen, die sich mit Gesundheit
beschäftigen, sich über diesen hocheffizienten und kostenlosen
Genesungsweg so unzureichend informiert zeigen und dieser segensreichen
Selbsthilfebewegung so wenig Aufmerksamkeit schenken.
Die meisten Menschen ändern ihre Verhaltensmuster,
die sie in die Krankheit hineingeführt haben, leider nicht selbständig.
Ihre langjährig erworbene, fest verankerte "neurotische Fehlhaltung“
verhindert einen tiefen, "furchtlosen“ Einblick in ihre Persönlichkeitsstruktur
und in das seelische Bedingungsgefüge, welches zur Entstehung der
Erkrankung beigetragen hat. Wir Männer sind hier Frauen gegenüber
eindeutig im Nachteil, denn Kapitulation und die daraus resultierende
Verhaltensänderung aufgrund besserer Einsichten gilt bei uns nach
wie vor als Schwäche und nicht als Stärke. Therapiebegleitend
kann der Genesungsweg in einer 12-Schritte-Selbsthilfegruppe ermöglicht
oder optimiert werden, die es in jeder größeren Stadt gibt.
Hierbei geht es um die bedingungslose Anwendung des 4. Schrittes, der
da heißt:
„Wir machten eine gründliche und furchtlose
Inventur in unserem Inneren“.
Gewollt ist das Auslösen einer tiefen Trauer über das zurückliegende,
selbstschädigende Verhalten und somit die ehrliche Bereitschaft,
das eigene Verhalten nachhaltig im Sinne von Selbstliebe, Selbstachtung
und Achtsamkeit zu verändern. „Wollen habe ich wohl, aber vollbringen
- das Gute -, das konnte ich nicht“ Die Umsetzung unserer Erkenntnisse
in den Alltag setzt nach gründlicher Reflexion und Diskussion das
einvernehmliche Entwickeln von verbindlichen Familienregeln sowie deren
Umsetzung in unseren Tagesplan voraus. Diese sollten wir beispielhaft
vorleben und überall vertreten. Nur wenn wir wieder - aus unserer
neugewonnenen psychohygienischen Erkenntnis heraus - Rituale entwickeln
und diese Tag für Tag, so lange wiederholen, bis wir uns daran gewöhnt
haben, und wenn wir diese neuen Formen nie mehr missen möchten, nur
dann werden wir Erfolg haben. Dies wird aber heißen, dass wir nicht
mehr mit dem Strom der modernen Zeit schwimmen, sondern Querdenker und
Trendsetter werden wollen. Auch mit dem Entwickeln von Zivilcourage und
dem standfesten Vertreten unserer Überzeugungen werden wir auf unserem
Weg zu körperlicher und geistiger Gesundheit weiterkommen. Das ist
nicht einfach. Denn wie sagte Henry Ford: „Gegen
den Strom schwimmen ist deshalb so schwer, weil einem so viele entgegen
kommen“. Wir sollten uns aber bei der Umsetzung unserer
neuen Zielvorstellungen gute Freunde suchen, um uns wechselseitig bei
der gemeinsamen
Umsetzung unserer zunächst einmal unpopulären Ziele zu unterstützen.
Wir sollten die Trendwende, ein neues Zeitalter der Zivilcourage propagieren
und einleiten und damit selbst zum Trendsetter werden. Wir sollten unsere
familiären Rahmenbedingungen für psychohygienische Lebensbedingungen,
unsere Clans abstecken und kulturbewahrende Duftmarken setzen. Wir sollten
auch unseren Freunden und den anderen zeigen, wo unser neuer Weg lang
geht, ein Weg, der Liebe in unserer Familie und unserem näheren Umfeld
erst bleibend möglich macht. Wir sollten es schon heute beginnen,
und es uns immer wieder neu, für jeden weiteren Tag unseres Lebens
vornehmen, und zwar furchtlos und treu, stets gemäß unseres
zu verteidigenden Lebensführerscheins.
Download "Seelische
Fitness [Psychohygiene]"
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