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"Gesund aus der Lebensmitte" [Anti-Aging]
Aufgaben für eine Präventive Verhaltensmedizin


Die demographische Entwicklung der nächsten Jahrzehnte unterstützt den Trend, dass Gesundheit bis ins hohe Alter häufig als das höchste Gut erachtet wird. Der medizinisch-technische Fortschritt und der zunehmende Wohlstand der westlichen Industrienationen trägt hierzu bei. Daneben ist im vergangenen Jahrhundert die Entwicklung eines Lebensstils zu beobachten, der den biologischen Lebensvorteilen zuwider läuft. Bewegungsmangel, Übergewicht, Stress und Konsumgifte sind nachgewiesene Risiken, die in der Lebensmitte bereits beginnen, unseren Gewinn an Jahren zu beschneiden und unsere Langlebigkeit in Frage zu stellen. Daher wird zunehmend der Prävention im gesellschaftlichen Verhalten und in der Medizin Raum geschenkt. Trotz gesetzlichem Auftrag leistet unser Gesundheitssystem hierzu nur einen ungenügenden Beitrag.
Ziel der Prävention ist es, dem Menschen durch eine verantwortungsvolle wie gesundheitsbewusste Lebensführung ein langes, mobiles und eigenständiges Leben zu ermöglichen. Ein Komplex von Dienstleistungen und Industriebranchen hat mit einem kaum mehr überschaubaren Sortiment an Produkten diesen Präventionsmarkt belegt. Ernährung, lebensstilkompensierendes Körper- und Seelentraining, Schönheitspflege und Wohlfühlstrategien laufen sich den Rang ab. Gemeinnützige Institutionen, Volkshochschulen und andere Billiganbieter möchten nicht zurückstehen. Die deutsche Ärzteschaft als der Kompetenzträger in Sachen Gesundheitsprävention hält sich bislang überraschend zurück. Dies wundert um so mehr, als Ärztinnen und Ärzte am besten die Gesundheits- bzw. Krankendaten ihrer Patienten und deren soziale Rahmenbedingungen und Arbeitsbelastungen kennen und zu Präventions- und Therapiezwecken nutzen könnten.

Im Zusammenhang mit diesem Themenfeld ist Anti-Aging in nur wenigen Jahren zu einem Schlagwort, ja einem Modewort geworden, das heute bereits enorme Verschleißerscheinungen aufweist. Suchte man im Oktober 2002 im Internet bei einer Suchmaschine - wie zum Beispiel bei Google - unter Berücksichtigung der beiden Schreibweisen Anti-Ageing bzw. Anti-Aging, so fanden sich 147.000 Eintragungen.
Eine Medline-Suche (Medline) ergab zum gleichen Zeitpunkt 240 wissenschaftliche Publikationen mit dem Terminus Anti-Aging im Titel.

Als amerikanisches Kunstwort heißt Anti-Aging sinnbildlich soviel wie „Kampf dem Altern“. Wie die meisten „Anti"-Begriffe (Antikommunismus, Antiterror, Antipathie, Antipoden, Antikonzeption, Antimaterie u.v.m.) beinhaltet auch Anti-Aging eine strikte Gegenbewegung bzw. Entgegensetzung. Da eine solche aber beim Prozess des Alterns widernatürlich erscheint, bedarf das, was gemeinhin hinter Anti-Aging vermutet oder von Interessenten, Beteiligten oder Betroffenen gesucht wird, einer Eingrenzung. Eine Definition des Terminus ist nicht realistisch.

Je nach der von der Industrie angesprochenen Klientel haben wir zwischen zwei unterschiedlichen und in sich wiederum inhomogenen Marktsegmenten zu unterscheiden.

1. Der ältere Mensch im Ruhestand, der erstmals in seinem Leben darauf aufmerksam wird, dass er an der Schwelle zu einer Lebenssituation steht, wo ein rigoroses Umdenken angezeigt ist, um noch gesetzte Ziele leichter und sicherer erreichen zu können. Diese Menschen haben meist zwanzig Jahre oder länger wenig aktiv für ihre Gesunderhaltung getan und selten Ärzte, Therapeuten oder Trainer konsultiert. Sie haben beruflichen Aufstieg oder familiäre Entwicklung in den Vordergrund gestellt. Jetzt bedürfen sie häufig ärztlicher Behandlung, sind aber auch für Prävention motivierbar. Diese ältere Generation erweist sich sui generis als Wachstumsbranche der Zukunft. Eines der Ziele der Industrie ist es, das Altwerden zu bagatellisieren, den Tod zu verdrängen und mit allen Mitteln abzuwehren. Eigentlich ist das der Sinninhalt des Begriffs Anti-Aging. Abgetrennt hiervon sind die Hochbetagten, für die eine industrielle Lobby noch nicht erkennbar ist.

2. Der aktive Mensch in der Lebensmitte, der - noch in seinem Lebensentwurf begriffen - erfährt, dass zum intakten Vorankommen ganzheitliches Wohlbefinden unabdingbare Voraussetzung ist. Viele aus der Generation der 35 bis 50Jährigen haben durch gesunde Ernährung und Sport bisher primäre Prävention betrieben. Einige müssen sich aber eingestehen, dass ihnen durch Ignoranz oder mangelnde bisherige Aufklärung, durch anders gelagerte Interessen und durch Verdrängung, falsch verstandene Scham und unbegründete Angst in den letzten Jahren schwere Fehler in ihrem Verständnis von Gesundheitspflege und Krankheitsprävention unterlaufen sind. Sekundäre präventive Maßnahmen können sich hier schwierig gestalten, da sie nur mit der Aufgabe eines viele Jahre eingeschliffenen riskanten Lebensstils erfolgversprechend sind. Hauptziel der Industrie ist Abbau von Risikofaktoren wie Stress und Bewegungsarmut sowie Erlangung und Erhalt von Fitness und Wohlergehen. Produkte und Dienstleistungen werden gleichermaßen angeboten. Die Wellness-Branche und der Freizeitmarkt sind in diese Bemühungen undifferenzierbar verwoben. Der Begriff Anti-Aging wird von dieser zweiten Zielgruppe nicht angenommen, da Altwerden für sie noch in weiter Ferne liegt. Der Wunsch Gesund aus der Lebensmitte vermittelt hier wesentlich treffender die Zielrichtung.

Um dem durchaus realistischen Ziel nahe zu kommen, sowohl die Folgezeit aus der Lebensmitte heraus gesund und erfolgreich als auch die zu erwartenden Lebensjahre des Ruhestands vital und geistig rege zu genießen, bedarf es einer interdisziplinären präventiven Verhaltensmedizin. Diese basiert auf bewiesenen wissenschaftlichen Erkenntnissen, bestimmte Lebensstilrisiken zu erkennen und zu minimieren, Krankheiten zu verhindern und Alterungsprozesse zu verzögern oder sogar rückgängig zu machen. Grundlage hierfür ist die Erforschung physiologischer Abläufe beim Altern und molekularbiologischer Vorgänge bei Krankheiten, die mit der Periode des Alterns zusammenfallen. Hierzu gehören ebenfalls Kenntnisse über angeborene oder erworbene Risiken und über krankheitsfördernde Lebensweisen. Eine solche präventive Verhaltensmedizin befasst sich mit dem Menschen fachübergreifend und ganzheitlich. Statt der üblichen Wiederherstellungsmedizin handelt es sich hier um eine vorbeugende Medizin mit dem Ziel, Gesundheit in seiner umfassenden Denkrichtung in allen Lebensphasen bis ins hohe Alter zu ermöglichen und gegebenenfalls zu verwirklichen. Berücksichtigung finden daher in hohem Maße die Prinzipien der Salutogenese und Psychohygiene. Damit wird man den Zielen des Kompetenzfeldes „gutes Altern“ mit den Begriffen „Pro-Aging“ oder „Good Aging“ eher gerecht als Anti-Aging. Hier setzt die Aufgabe und die Herausforderung der Medizin an, will sie das große Kompetenzfeld („Megabranche des 21. Jahrhunderts“) nicht der Industrie und dem Kommerz mehr noch als bisher überlassen. Denn die Internetanalyse bei Google und Medline ergibt die Verteilung der folgenden Graphik:

Medizin - Kommerz - IndustrieKlicken Sie bitte zur Vergrößerung auf das Bild.

Der Wunsch nach medizinischen Dienstleistungen ist unersättlich. Der unendliche Bedarf ist eng verknüpft mit allen Faktoren, die sich unter Lebensstil subsumieren lassen. Der Terminus Lifestyle ist umfassender als der Begriff Gesundheit. Lifestyle beinhaltet neben dem individuellen Lebensgenuss bei seelischem, körperlichem und sozialem Wohlbefinden in der Lebensmitte zunehmend auch gesundes Altern mit Attributen wie Attraktivität, sozialer und beruflicher Erfolg und Selbstbewusstsein. Die Überalterung unserer Gesellschaft, aus der die folgenschwerste sozial- und gesundheitspolitische Veränderung der nächsten Jahrzehnte erwachsen wird, erfordert eine Rationierung der umlagefinanzierten Gesundheitsleistungen1. Damit werden die allermeisten Leistungen und Produkte aus dem Bereich der Präventiven Verhaltensmedizin (als Terminus die bessere Alternative zu Lifestyle-Medizin) zu einem Wunsch-Service außerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung.

Zeitgleich mit dem Begriff und Leistungsinhalt Anti-Aging wurden Urologen und Andrologen in den vergangenen Jahren mit dem Schlagwort Aging Male, das seine Entsprechung im weiblichen Geschlecht vermisst, konfrontiert. Bei Frauen werden die physiologischen Veränderungen beim Älterwerden traditionell unter dem Begriff "Wechseljahre“ bearbeitet. Aging Male als medizinisches Betätigungsfeld hat mittlerweile seine Entsprechung in der Diagnostik und Therapie des Partiellen Androgendefizit-Syndrom des alternden Mannes (PADAM) gefunden und damit den alten, klinisch kaum wahrgenommenen Begriff Climacterium virile abgelöst. Aging Male ist mittlerweile in das ganzheitlich verstandene Betätigungsfeld Männergesundheit integriert worden.

Anti-Aging wird heute belegt von den unterschiedlichsten Sparten des Gesundheitsmarktes und von Medizinern verschiedener Fachrichtungen. Auch wenn der Begriff benutzt wird und sich Klienten wie Leistungserbringer darauf beziehen, ist Anti-Aging kein medizinisches Fachgebiet und kein eigener Wissenschaftszweig2-3. Vielmehr setzt diese präventive Verhaltensmedizin die von den Fachgebieten Endokrinologie, Andrologie, Gynäkologie, Urologie, Ernährungswissenschaft und Gerontologie bekannten Grundzüge und Erkenntnisse der Gesundheitsprävention und Krankheitsprophylaxe in interdisziplinärer Vielfalt bereits in einer möglichst frühen Lebensperiode aktiv um. Demnach ist eine immer wieder krampfhaft formulierte Anti-Aging-Medizin nicht existent4-6. Auch taugt dieses Betätigungsfeld nicht zur Rettung schlechtgehender Arztpraxen. Da Anti-Aging bzw. das Konzept „Gesund aus der Lebensmitte“ multidisziplinäre Ansätze erfordert, also keine Entität verkörpert, kann es auch nicht den alles umfassenden Anti-Aging-Experten geben.

Unter den mannigfaltigen Anbietern (Institute, Kliniken, Beratungsfirmen, Praxen von Ernährungsberatern, Ärzte und Heilpraktiker, Hotels, Fitnesseinrichtungen, Schönheitsstudios, Touristikunternehmen, Pharmaindustrie, Ernährungsbranche, Produktverkauf) ist eine scharfe Abgrenzung zu den Gebieten Wellness, Beauty, gesunde bzw. Gourmet-Ernährung, westliche Naturheilkunde, traditionelle chinesische Medizin und Ayurveda zu vermissen. Während die kosmetische Dermatologie und die plastisch-rekonstruktive Chirurgie wertvolle Dienste im Feld Anti-Aging leisten können, gehören rein dekorative Dienstleistungen („Ästhetische Chirurgie“) als Machbarkeitsleistungen (sog. Can-do- oder Du-willst-Du-kriegst-Medizin) vom Kompetenzfeld "Gutes Älterwerden" abgegrenzt.

Denn Schönheit ist wohl das Subjektivste im menschlichen Urteil. Am schönsten und besten fühlen sich Menschen, die von folgenden drei Tatsachen für sich ausgehen:

  • Erstens, dass sie sowieso hundert Jahre alt werden.
  • Zweitens, dass das Leben ein Genuss ist.
  • Drittens, dass Schönheit von innen kommt.

Mit letzterem verbinden sie auf positive Weise, was sie fühlen und denken, was sie mit anderen tun, wie sie sich bewegen, sowie was sie essen und wie sie es tun.

Die meisten Langlebigen sind eher sorglose Menschen, die nie ihre Gesundheit und Unversehrtheit in den Mittelpunkt ihres Daseins gestellt haben.

Glückliche Menschen sind häufig wohlhabend, aber nicht reich. Wer jahrelang seine seelischen Kräfte und Fähigkeiten dazu missbraucht hat, nur seinen Reichtum zu mehren, der wird an einem Punkt anlangen, wo er all sein Geld ausgeben müsste, um seine Seele und Glückseligkeit zurückzuerobern. Viele Märchen und Fabeln sind aus diesem Stoff. Sagen wir es etwas ironisch, ohne den berühmten Zeigefinger zu bemühen: Heute leben ganze Tourismusbranchen und Hotelketten davon, ausgebrannte, aber finanzkräftige Arbeitssklaven, sogenannte Selbstausbeuter mit ein bisschen Massage, ein paar Meditationen, ein wenig Diät, programmierter Muskelübung, gewissen Maßnahmen zur medizinischen Wartung des Körpers und mit der wochenendlimitierten Hinführung zu meist fernöstlichen Heilslehren wieder zu einem intakten Menschengefühl zu verhelfen.

Natürliche Gesundheit betrifft aber offensichtlich eine Kategorie Mensch besonderer Art. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow hat in den 1960er und 70er Jahren auf der wissenschaftliche Suche nach gesunden Menschen solche gefunden, die in mancher Hinsicht überraschend anders waren als der Durchschnitt. In seinem Buch "Motivation und Persönlichkeit" hat er 1977 seine Ergebnisse der Merkmalshäufungen Gesunder dargestellt. Demnach haben gesunde Menschen häufig folgende Merkmale:

  • Sie besitzen eine bessere Wahrnehmung der Realität.
  • Sie können sich selbst, andere und die Natur akzeptieren.
  • Sie besitzen Natürlichkeit, Spontaneität und Einfachheit.
  • Sie sind problem- und sachorientiert.
  • Sie haben ein Bedürfnis nach Privatheit.
  • Sie besitzen eine unverbrauchte Wertschätzung.
  • Sie besitzen Gemeinschaftsgefühl und haben feste moralische Normen.
  • Sie haben eine demokratische Charakterstruktur.
  • Sie sind ausnahmslos kreativ.

Aber: Nur mit einigen der von Maslow beschriebenen Gesundenmerkmale kommen wir auf die Welt. Die meisten Merkmale sind erwerbbar.7

Sieht man aber das Phänomen Älterwerden, Altern, Altsein in einem menschlichen, gesellschaftlichen und philosophischen Kontext, so kommt naturgemäß der medizinische, der ärztliche Aufgabenbereich ins Spiel.
Das Aufgabengebiet ruht auf folgenden vier Säulen:

  • Risikoanalyse und Prävention;
  • frühzeitige Anpassung des Lebensstils an die Bedürfnisse von Gesundheit und sozialem Wohlbefinden;
  • Krankheitsfrüherkennung und ganzheitliche, an der Lebensqualität orientierte Behandlung;
  • Lösungsansätze zur Überwindung persönlicher Einsamkeit, sozialer Isolierung und Diskriminierung alternder Menschen und eine verbesserte Versorgung und Lebensqualität Hochaltriger.

Es handelt sich - wie für Anti-Aging oft reklamiert - also nicht um eine neue Medizin, eine andere Fachrichtung oder ein neues Gesundheitsziel. Genau so wenig wie es eine Anti-Aging-Medizin gibt, existiert eine Lifestyle-Medizin.
Unter dem Leitgedanken ALTER-nativ haben die Deutschen Urologen aufgrund ihrer dem Fachgebiet eigenen Erfahrung mit alternden und alten Menschen die Initiative Vitales Altern zur Verbesserung der Situation alternder Menschen initiiert. In der Gynäkologie und Inneren Medizin gibt es ähnliche Bestrebungen und Programme.

 

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Literaturauswahl

1 Klotz, Th; Sommer, F:
Lifestyle und Rationierung
Extracta urologica 9 /2002,p10 –13
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2 Butler, RN; Fossel, M; Pan, CX, et al. :
Anti-aging medicine. What makes it different from geriatrics?
Geriatrics (United States), Jun 2000, 55(6) p36, 39-43
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3 Fisher, A; Morley, JE:
Editorial: Antiaging medicine: the good, the bad, and the ugly
J Gerontol A Biol Sci Med Sci (United States), Oct 2002, 57(10) pM636-9
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4 Wick, G:
'Anti-aging' medicine: does it exist? A critical discussion of 'anti-aging health products'
Exp Gerontol (England), Aug 2002, 37(8-9) p1137
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5 Butler, RN; Fossel, M; Harman, SM, et al.:
Is there an antiaging medicine?
J Gerontol A Biol Sci Med Sci (United States), Sep 2002, 57(9) pB333-8
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6 de Grey, AD; Gavrilov, L; Olshansky, SJ, et al.:
Antiaging technology and pseudoscience.
Science (United States), Apr 26 2002, 296(5568) p656
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7 Masloch, A:
Motivation und Persönlichkeit
Walter-Verlag, Olten 1977
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