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Lebensglück
und der moralische Kredit
„Jeder Mensch hat eine solche
Methode, die Bilanz seiner Eindrücke zu seinen Gunsten umzudeuten,
so daß gewissermaßen das tägliche Existenzminimum an
Lust daraus hervorgeht, das in gewöhnlichen Zeiten genügt. Seine
Lebenslust kann dabei auch aus Unlust bestehn, solche Materialunterschiede
spielen keine Rolle, denn bekanntlich gibt es ebenso glückliche Melancholiker
wie es Trauermärsche gibt, die um nichts schwerer in ihrem Element
schweben wie ein Tanz in dem seinen. Wahrscheinlich läßt sich
sogar auch umgekehrt behaupten, daß viele fröhliche Menschen
nicht um das geringste glücklicher sind als traurige, denn Glück
strengt genau so an wie Unglück; das ist ungefähr so wie Fliegen
nach dem Prinzip Leichter – oder Schwerer als die Luft. Aber ein
anderer Einwand liegt nahe; denn hätte dann nicht die alte Weisheit
der Wohlhabenden recht, daß kein Armer sie zu beneiden brauche,
da es ja lediglich eine Einbildung sei, daß ihn ihr Geld glücklicher
machen würde? Es würde ihn nur vor die Aufgabe stellen, statt
seines Lebenssystems ein anderes auszubilden, dessen Lusthaushalt bestenfalls
doch nur mit dem kleinen Glücksüberschuß abschließen
könnte, den er ohnedies hat. Theoretisch bedeutet das, daß
die Familie ohne Obdach, wenn sie in einer eisigen Winternacht nicht erfroren
ist, bei den ersten Strahlen der Morgensonne ebenso glücklich ist
wie der reiche Mann, der aus dem warmen Bett heraus muß; und praktisch
kommt es darauf hinaus, daß jeder Mensch geduldig wie ein Esel das
trägt, was ihm aufgepackt ist, denn ein Esel, der um eine Kleinigkeit
stärker ist als seine Last, ist glücklich. Und in der Tat, das
ist die verläßlichste Definition von persönlichem Glück,
zu der man gelangen kann, solange man nur einen Esel allein betrachtet.
In Wahrheit ist aber das persönliche Glück (oder Gleichgewicht,
Zufriedenheit oder wie immer man das automatische innerste Ziel der Person
nennen mag) nur soweit in sich selbst abgeschlossen, wie es ein Stein
in einer Mauer oder ein Tropfen in einem Fluß ist, durch den die
Kräfte und Spannungen des Ganzen gehen. Was ein Mensch selbst tut
und empfindet, ist geringfügig, im Vergleich mit allem, wovon er
voraussetzen muß, daß es andere für ihn in ordentlicher
Weise tun und empfinden. Kein Mensch lebt nur sein eigenes Gleichgewicht,
sondern jeder stützt sich auf das der Schichten, die ihn umfassen,
und so spielt in die kleine Lustfabrik der Person ein höchst verwickelter
moralischer Kredit hinein, von dem noch zu sprechen sein wird, weil er
nicht weniger zur seelischen Bilanz der Gesamtheit wie zu der des Einzelnen
gehört“.
Aus: Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, 1978
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