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Stress ist ungesund - muss trotzdem sein
Stress ist weder eine „Zivilisationsplage“
noch eine “Seuche des 21.Jahrhunderts“. Stress gab es immer.
Gottlob, wenn auch in anderer Darreichung, mit anderen Anpassungsmöglichkeiten
und mit anderen Konsequenzen. Die Sicherstellung des Lebensunterhalts
für einen Jäger und Sammler war bei unseren Vorfahren sicherlich
mit einem ähnlichen Grad an Stress verbunden wie der heutige Broterwerb
im Führerhaus eines Fernlasters oder am PC im Großraumbüro.
Wer kennt nicht die Schlagzeilen wie Die gestresste Gesellschaft
oder Stress, der neue Killer oder Schlagwörter wie Ausbrennen,
Leere Batterie, um nur einige zu nennen. Der Markt der Kurse,
Seminare und anderer Lebenshilfen zum Ziel der Stressbewältigung
boomt seit zwei Jahrzehnten. Anti-Stress ist angesagt. Nicht Manager und
andere Zeitgenossen mit dem sprichwörtlichen prallen Terminkalender
sind Hauptkunden, Angebote der Volkshochschulen sprechen alle Schichten
an.
Nach Umfragen fühlte sich 2001 jeder zweite Deutsche mindestens einmal
pro Woche „gestresst“. So entstehen krankheitsbedingte Folgekosten
von jährlich 30 Milliarden Euro. Das Karlsruher Institut für
Sozialhygiene nennt Angst und Anspannung im Zusammenhang mit der Arbeit
und den Vorgesetzten als Hauptstressursachen. Nach einer gemeinsamen Studie
der Deutschen Angestellten Krankenkasse und der Berufsgenossenschaft für
Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege ist aber Arbeit an sich nicht zwangsläufig
mit Stress verbunden. Die eigene Arbeit selbständig planen zu können
und ein gutes Betriebsklima können vor krankmachendem Stress schützen.
Glaubt man an die situative Zuordnung von Stress mit dem Resultat von
Geburtsstress, Schulstress, Prüfungsstress, Berufsstress, Beziehungsstress,
Feierabend- und Freizeitstress sowie Endstress, so handelt es sich offenbar
um eine lebensbegleitende prinzipielle Form des Reagierens.
Die zunächst positiven, später unangenehmen Effekte von Stress
im Erwerbsleben, denen sich viele aussetzen, sind höchst unterschiedlich.
Sie sind eng mit unserer Auffassung von Arbeit und von der Einstellung
auf Beruf, soziales Umfeld, Regeneration der Kräfte und Ausklinken
aus dem Berufsleben verknüpft. Es geht um die Frage nach dem Einsatz
der Mittel: Wie weit muss ich mich rauslehnen, fragt der Vorsichtige;
wie weit kann ich mich reinhängen, fragt der Siegertyp.
Männer sind im Vergleich der Geschlechter die hauptsächlich
Betroffenen, ohne zwangsläufig die Leidtragenden zu werden.
Jeder Arzt, der sein Fachgebiet ganzheitlich vertritt
und sein Sprechzimmer als Sprech-Zimmer versteht,
hat mit diesen Problemfeldern im Rahmen psychosomatischer Störungen
regelmäßig zu tun. Allen drei genannten Störungen gemeinsam
ist, dass die Betroffenen nicht die Fähigkeit besitzen - oder sie
verloren haben -, sich adäquat anzupassen an bestimmte Umstände
und Reizeinwirkungen, die sie mit dem Erwerbsleben in unmittelbarem oder
mittelbarem Zusammenhang empfinden. Es fehlt an Anpassung im Sinne von
positivem, korrekt einschätzendem und abwendendem Reagieren. Dieser
Regulierungsmangel oder -verlust führt anfangs zum Verlust von Lebensfreude,
im weiteren Verlauf zu Befindlichkeitsstörungen und in schweren Fällen
zu Krankheiten. Am Stress krank machend ist die Unfähigkeit, Spannung
zu lösen.
Was ist Stress
Unter dem Begriff Stress haben wir unterschiedliche Phänomene zu
verstehen. Als der österreichische, in Kanada arbeitende Arzt Dr.
Hans Selye 1936 den mittlerweile gestressten Begriff prägte, meinte
er damit ein bestimmtes, immer wiederkehrendes primäres Reaktionsmuster
auf eine erhöhte Beanspruchung des Organismus durch äußere
und innere Reize. Die unterschiedlichen Reize nannte er Stressoren. Sie
können prinzipiell physikalischen, chemischen, zwischenmenschlichen
und emotionalen Ursprungs sein. Die Ursache von Stress kann also in unserer
Umwelt, in unserem Körper oder in unserer Psyche liegen. Der Begriff
ist der Physik, speziell der Werkstoffkunde entlehnt. Dort versteht man
unter Stress den Zustand von Materialien, die durch Druck und Zug belastet
werden. Gegenstände verformen sich unter Einwirkung von Spannung
und Beanspruchung, der menschliche Organismus auch.
Wie entsteht Stress
und wie reagiert der Körper?
Unser Körper reagiert unabhängig von der Art und dem Ursprung
der Einwirkung zunächst immer mit einem sehr ähnlichen Muster
auf die "Aggression“. Er will sich anpassen. Das ist bei äußerlichen
Verletzungen so, aber auch bei inneren Krankheiten, auch bei Schmerz,
Übermüdung und Emotionen wie Angst, Ärger, Enttäuschung,
Überforderung, Erschöpfung. Aber auch zunächst positive
Einwirkungen wie Begeisterung, Freude, eine besondere Aufgabe oder eine
schöne, ungewöhnliche Herausforderung können Stressreaktionen
evozieren. Immer läuft dasselbe Muster der Gegensteuerung ab. Aus
dem Zwischenhirn (Hypothalamus) und der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse),
den allen Hormondrüsen übergeordneten Regulierungszentren werden
Hormone und hormonähnliche Botenstoffe freigesetzt. Diese gelangen
auf dem Blutwege binnen Sekunden in die Nebennieren. Hierbei handelt es
sich um etwa pflaumengroße Hormondrüsen. Sie schütten
augenblicklich die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin aus.
Es kommt zur Einengung der Blutgefäße, erhöhter Herzfrequenz
mit zunehmendem Blutdruck. Diese Reaktionen dienen der Mobilisierung aller
zur Verfügung stehenden Abwehrkräfte. Es gilt, die Anspannung
oder gar Bedrohung des Körpers abzuwenden. Hierbei helfen zwei weitere
Hormone aus den Nebennieren, das DHEA (ein
Hormon mit männlichem Wirkspektrum) und das Kortisol.
Ihre Bildung wird ebenfalls aus der Hypophyse und höheren Gehirnzentren
stimuliert und gesteuert. Kortisol erhöht den Energiestoffwechsel
(Blutzucker) und die Aufmerksamkeitsschwelle aller Sinne. Es erfolgt augenblicklich
eine Mobilisierung der Kraftreserven. Resultat einer positiven Stressreaktion
ist die Anpassung des Organismus an die gestellte Herausforderung. Resultat
einer negativen Stressreaktion ist mangelhafte Anpassung mit Übergang
in Alltagsstress, Dauerstress und Schädigung. Körperliche und
seelische Krankheiten können die Folge sein. Die Stressreaktion kommt
einer Kampf- oder Fluchtreaktion gleich. Der Körper ist im Rahmen
seiner natürlichen Möglichkeiten bemüht, Schaden abzuwenden.
Nach der Alarmphase folgt die Anpassung.
Auf die natürliche Phase der Ermüdung
und Erschöpfung folgt bei regelrechter Stressverarbeitung
die Phase der Erholung und Wiederherstellung.
Wann empfinden wir Stress?
Befragt man Berufstätige, welche Umstände im Erwerbsleben bei
ihnen das, was sie unter Stress verstehen, auslösen, so erhält
man sehr unterschiedliche Angaben über Auslöser:
- Berufswechsel; Wechsel des Arbeitgebers; Wechsel des Aufgabengebiets;
- Angst vor krankheitsbedingten Fehlzeiten; Angst vor dem Verlust des
Arbeitsplatzes;
- Bevorzugung von Kolleginnen
oder Kollegen; sich unverstanden, von Vorgesetzten gegängelt fühlen; Rivalität,
Neid im Arbeitsleben; schlechtes Betriebsklima; Mobbing;
- nicht zufriedenstellende Rentenabsicherung; berufliche Sackgasse;
- Mehrfachbelastung arbeitender Frauen und berufliche Benachteiligung;
- zuviel Arbeiten müssen, sich ausgenutzt fühlen; Personalknappheit;
nicht akzeptiertes Lohn-Leistungsverhältnis; keine Zukunftsperspektive;
- unselbständig arbeiten müssen;
- Zweitjob; erschöpft sein; in der Freizeit nicht abschalten können;
- zu wenig Arbeiten
können; unterfordert
sein; Langeweile.
Die sieben immer wieder erstgenannten Stressauslöser aus dem persönlichen
bzw. privaten Bereich sind:
- Tod des Ehepartners oder Krankheit eines Familienmitglieds;
- Trennung vom Partner;
- außergewöhnliche persönliche
Leistungen;
- unerwartete finanzielle Belastungen;
- Änderung privater Lebensumstände
(Umbau, Umzug, Wohngemeinschaft);
- Änderung von Lebensgewohnheiten (Diät, Rauchen abgewöhnen,
Sport);
- Freizeitaktivitäten,
Urlaub.
Da Männer stärker in das direkte Erwerbsleben
eingebunden sind, sich stärker an Berufsarbeit orientieren und von
sich mehr beruflichen Aufstieg und Karriere fordern als Frauen, stellt
das Arbeitsleben für Männer die Hauptquelle von Stress dar.
Besonders betroffen sind Männer um das 40. Lebensjahr. In dieser
von vielen durchgemachte "Karriereentwicklung“ wurden Erwartungen
häufig zu hoch angesetzt, was Spannung und Druck hervorrief. Ältere
Menschen haben sich mittlerweile ihren Weg auf bessere Arbeitsplätze
gebahnt. Es resultiert eine realistische Einsicht in das Machbare und
Erreichte. Die Arbeit wird effektiver (mehr Wirkung) und effizienter (mit
sparsameren Mitteln). Diese Erfahrung begünstigt eine "Karriereeinsicht“ und
verringert das Stresspotential.
Welche Auswirkungen hat Stress auf die Gesundheit?
Stress ist zunächst einmal etwas Gutes, etwas Natürliches, etwas
Wünschenswertes. Der Körper wendet drohenden Unbill mit geeigneten
Maßnahmen ab. In unterschiedlichem Maße fördert Stress
sogar die Leistung. Dann werden auch die natürlichen Opiate ß-Endorphin
und Enkephalin aus Hirnarealen freigesetzt. Sie haben eine angenehme Wirkung
auf das Wohlgefühl und die gute Laune. Stress ist auch dann positiv,
wenn auf ihn eine angemessene Phase der Erholung und Entspannung und
eine
Belohnung folgen. Wir sprechen dann von Eustress.
Bei negativem Stress ist die Antwort des Körpers inadäquat.
Die Kampf- und Fluchtreaktionen dauern zu lange, Ruhepausen sind zu kurz
und ineffektiv, Erfolg und Belohnung bleiben aus. Über negative Emotionen
kommt es zur nachhaltigen Unterdrückung der Funktion der Immunzellen.
Wir sprechen dann von Dystress.
In der ersten Phase
sind die meisten stressbedingten Auswirkungen zunächst eher tolerable Befindlichkeitsstörungen.
Hierzu gehören
Schlafstörungen mit dem Gefühl des nicht Ausgeruhtseins, Funktionsstörungen
des Magen-Darmtraktes, Essstörungen, Anpassungsstörungen in
der Familie und Partnerprobleme. Es besteht die Tendenz zu zunehmendem
Zigarettenkonsum oder Wiederaufnahme des Rauchens. Gestresste neigen zu
Fehlernährung, was noch weiter stressunterstützend wirkt. Zur
Entspannung wird zunehmend zum Alkohol gegriffen, nicht nur zum Feierabend.
In einer zweiten Phase kommt es zu isolierten
Symptomen, die bereits auf eine gesundheitliche Schädigung
hindeuten können: Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Herz-, Magen-
und Unterbauchschmerzen. Ein untrügerisches Alarmzeichen für
Dystress ist die sprichwörtliche Anfälligkeit für banale
Virusinfektionen. Häufig wiederkehrende "Erkältungen“
und Herpesinfektionen deuten auf eine allgemeine Abwehrschwäche des
Organismus hin. Die häufige und hohe Freisetzung von Kortison aus
der Nebenniere und andere Stresshormone unterdrücken in fortdauernden
Stresssituationen das Immunsystem. Die Immunzellen werden vorübergehend
gehemmt. Man mutmaßt, dass dies bei unmittelbarer Gefahr für
den Körper im Sinne der Energieerhaltung geschieht und hierdurch
dem Überleben Vorrang eingeräumt wird. Dystress ruft ebenfalls
sexuelle Funktionsstörungen hervor. Er macht bei 30-40 Jährigen
mehr als die Hälfte der Ursachen für Impotenz aus. Ähnliches
gilt auch für die männliche Zeugungsfähigkeit.
In der dritten Phase macht Stress krank.
Je nach Typus, eventuell bereits vorliegenden Gesundheitsrisiken und
je
nach Veranlagung reagiert der Organismus des Dauergestressten individuell
recht unterschiedlich mit Bluthochdruck, Ohrgeräuschen (Tinnitus),
Migräne, Asthmaanfällen, Magenentzündung und Geschwüren,
Durchfallerkrankung und Depressionen. Die Rückenkrankheit als eine
besondere Art des Muskelverspannungssyndroms hat ebenfalls eine ausgeprägte
psychovegetative Stress-Komponente. Viele Stresskandidaten kennen ihr
sozusagen persönliches Stressorgan. Eine Stressanalyse im Vorfeld
ist möglich.
Befindlichkeitsstörungen und isolierte Symptome sind nach der Ermüdungs-
und Erschöpfungsphase des Stress während einer angemessenen
Periode der Wiederherstellung und Erholung meist spontan reversibel. Stresskrankheiten
hingegen bedürfen den in den einzelnen Kapiteln dargestellten spezifischen
Behandlungsmaßnahmen. Spätestens jetzt ist die Erarbeitung
und konsequente Anwendung von Stress- Bewältigungsstrategien unabdingbar.
Am gesündesten ist ein stetiger Wechsel von fordernder Anspannung
und erholsamer Entspannung. Am besten ist, wenn sich beides an Ort und
Stelle vereinbaren lässt.
Eine besondere Lebensstilvariante,
die immer häufiger
zu Stress-Symptomen führt ist der Wunsch des Menschen, immer öfter
immer mehr zur gleichen Zeit tun zu wollen. Viele technische Möglichkeiten
verführen uns, Dinge simultan zu tun. Essen und gleichzeitig Zeitung
lesen ist noch eine vergleichsweise harmlose Variante. Simultanten, Menschen
die danach trachten, vieles simultan, also gleichzeitig zu bewältigen,
laufen Gefahr, nichts suffizient zu machen und gleichzeitig ungesundem
Stress zu begegnen.
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