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Psychisch bedingte Sexualstörungen bei Männern und Frauen


In einem sind wir alle gleich: „Angst fressen Seele auf!“
Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Seelischer Stress und allem voran Angst führt bei Männern wie bei Frauen zu allen möglichen Funktionsstörungen, auch zu Störungen des Sexuallebens, zur Impotenz.

Männer bekommen keine Erektion, wenn sie etwa befürchten, in diesem Augenblick keine Erektion zu bekommen. Frauen emittieren keine Lubrikation - werden nicht feucht, wenn die Angst die Lust blockiert. Die Folgen sind fatal. Eine Erwartungsangst breitet sich aus. Diese Angst, dass sich das traumatisch erlebte sexuelle Versagen wiederholen könnte, führt eben gerade wieder zur Wiederholung des Versagens. Self-Fullfilling-Prophety oder schwarze Magie sagt der Volkmund. Self Monitoring oder Beobachterposition nennen das die Psychotherapeuten.

Wenn man im Kopf den Misserfolg vorwegnimmt und alles daran setzt, nicht erneut zu versagen und sich dadurch vor dem Partner (und vor sich selbst) zu blamieren. Tradierte Männerbilder, neurotische Fehlhaltungen - geboren aus der Angst vor Authentizität - führen letztlich zur psychisch bedingten, sozusagen erlernten Impotenz. Diese Fehlhaltung jedoch erzeugt den Teufelskreis, der gerade das genitale Versagen perpetuiert.
Welche Tragik! Dabei könnte alles doch so einfach sein.


Das Erotische Zwiegespräch

Wäre das intime, erotische Zwiegespräch über sexuelle Empfindungen, Ängste und Bedürfnisse nicht von klein auf tabuisiert, dann könnte sich ein liebendes Paar über alle Details in Ruhe in wechselseitiger Einfühlung in Achtsamkeit unterhalten. Dies alleine ermöglichte die nötige Nähe und das Vertrauen und setzte die erotischen Ressourcen eines Paares spontan und in kreativer, ja, wunderbarer Weise frei. Aber diese Art miteinander zu reden haben wir nie gelernt. Jedoch, es gibt Lösungen. Denn der Spruch „...was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ gilt hier nicht. Richtig ist: Was Hänschen nie gelernt hat, kann Hans auch noch im Alter lernen, wenn er nur Einsicht in die Gefühlshintergründe seines inneren Erlebens entwickelt und wirklich lernen will, sich der Realität zu stellen, Vertrauen zu entwickeln und Angst zu überwinden.

Das erotische Zwiegespräch ist das Mittel der Wahl und für jedermann / frau bis ins hohe Alter erlernbar. Auf Sensualität haben wir - kulturell bedingt - nie Wert gelegt. Die sexuellen Mythen beseelen den westlichen Durchschnittsmann in unserer Leistungsgesellschaft. Er, der allzeit bereit ist und immer obsiegt. „Erectio permanens“ ist das Ziel. Schlapp machen ist mit dem Selbstbild und der Fassade, die Männer mit viel Mühe zeitlebens aufgebaut haben, nicht vereinbar. Man hat seinen Mann zu stehen, in jeder Hinsicht. Impotenz heißt nicht können. Ein Versager, ein Schlappschwanz also, sozusagen im-potent, will keiner sein. Das ist die schreckliche Realität der gesellschaftlich erzeugten Fehlhaltungen, die im Versagensfalle einen Teufelskreis zu Rotation bringt, der tiefe Versagensängste aktiviert und zu Vermeidungsverhalten anstatt zum vertrauten opening-up führt. Mauern anstatt Öffnen ist die Devise, weil wir uns für unser angebliches Versagen schämen. Dabei sollten wir uns eher schämen für die Maske, die wir ein Leben lang poliert haben, anstatt wahrhaftig und treu zu uns und zu unseren Ängsten zu stehen. Der psychotherapeutisch versierte Coach (und nicht Viagra alleine, das nur die tiefen Hintergründe der Versagensangst zudeckt und somit nur die neurotische Fehlhaltung stabilisieren könnte), hilft kompetent aus der Erektionskrise. Es gilt, im Verlauf der Erektionskrise, die von Betroffenen gern verniedlichend „Formtief“ genannt wird, diejenigen Phasen zu erkennen, während denen eine medikamentöse Mitbehandlung hilfreich und damit indiziert ist.
Wirklich starke, auch anderweitig potente Männer stellen sich der Herausforderung und entwickeln sich durch das opening-up stetig weiter. Sie widersetzen sich dem verbreiteten Phantasiegebilde, weibliche Sexualität sei vielschichtig, mysteriös und voller Probleme, während ihre eigene sich einfach, geradeheraus und problemlos gestalte. Sie versuchen zu beweisen, dass die von Bernie Zilbergeld analysierten Mythen auf sie nicht zutreffen:

  • Männer sollten gewisse Gefühle nicht haben oder zumindest nicht zeigen.
  • Beim Sex, wie überall anders auch, zählt nur Leistung.
  • Der Mann übernimmt beim Sex Verantwortung und Führung.
  • Der Mann ist immer bereit und willig.
  • Jeder Körperkontakt muss zum Sex führen.
  • Für Sex ist eine Erektion erforderlich.

Auch in dieser Hinsicht verhilft das erlernbare erotische Zwiegespräch zur Vermehrung wechselseitiger Einfühlung und somit zu mehr sinnlicher Nähe, welche die Angst überwinden hilft und erotische Gefühle auch nach schwerer Krankheit und im Alter wieder keimen und erblühen lässt.


Ausweg durch Sensorische Fokussierung

Die klassische Sexualtherapie beginnt mit der getrennten Erhebung der Lebensgeschichte und Exploration der sexuellen Dysfunktion zunächst des Symptomträgers. Erst im nachfolgenden Gespräch werden Partner/Partnerin einbezogen und es erfolgt das gemeinsame Gespräch. Hier beschreibt der Psychotherapeut zusammenfassend seine Sicht der Dinge, die mutmaßliche Entstehungsgeschichte und die im Moment wirksamen Zusammenhänge, die zur Entwicklung und Aufrechterhaltung der bestehenden Symptomatik geführt haben. Nach dieser Verhaltensanalyse wird gemeinsam mit dem Paar ein Therapieplan entworfen und detailliert erläutert.

Zunächst unterscheiden die Experten zwischen den Phasen der Sensorischen Fokussierung der 1. Stufe. Es handelt sich hierbei um ein Genusstraining, in welcher das Berühren der Geschlechtsgegend und der äußeren Geschlechtsteile ebenso wie der Geschlechtsverkehr quasi per Therapievertrag ausgeschlossen wird. Nur hierdurch können beide wirklich stressfrei Zärtlichkeit und Nähe in einem gefahrlosen, geschützten Setting erfahren. Die in dieser Phase gewonnene Lernerfahrung an angstfrei und intensiv erlebter Sensualität ermöglicht dem Paar später ein intensives und zweckfreies Vorspiel, welches schon alleine beglückend wirkt, ohne dass es anschließend zum Geschlechtsverkehr kommt. Gelingt diese Phase problemlos mehrere Tage hintereinander, so kann in beiderlei Einverständnis zum nächsten Behandlungsschritt, der sensorischen Fokussierung der Stufe 2 übergeleitet werden.

Nun lernt das Paar nach zunächst vorbesprochenem Plan auch die Genitalien in das Genusstraining mit einzubeziehen. Auch in dieser Phase soll es noch nicht zum Geschlechtsverkehr im Sinne des Beischlafs kommen. Gelingt diese zweite Phase ebenfalls, so wird das Paar von sich aus entscheiden, den Geschlechtsverkehr zu versuchen. Denn in der Zwischenzeit haben beide gelernt, offen über alle Aspekte dieses Themas zu reden und Vertrauen in das achtsame Vorgehen des Partners zu entwickeln. Da das Paar in diesen sich über mehrere Wochen hinziehenden Phasen die therapeutischen Übungen wie besprochen zuhause umsetzt und entsprechend der zuvor besprochenen Kommunikationsregeln aufarbeitet (Hausaufgaben), können in folgenden Therapiesitzungen der Erfolg (oder auch die bei der Durchführung der Hausaufgaben erlebten Schwierigkeiten) im Detail besprochen werden. Fortführende Übungen werden entworfen und ausführlich erörtert, damit sie unter Einbeziehung der aus den Vorübungen gewonnenen neuen Erkenntnissen bis zur nächsten Therapiestunde zu Hause angewendet werden können. Durch dieses Vorgehen wird zwangsläufig das Schamgefühl der beteiligten Partner sanft attackiert (shame-attac) bis es völlig verschwindet. So lernt das Paar, zukünftig über alle Details seiner sexuellen Wünsche und Phantasien schamfrei zu reden.


Komplementäre Behandlung mit Medikamenten

Dieses im Verlauf der Behandlung erlernte und stetig weiterentwickelte erotische Zwiegespräch erzielt durch die andauernde verbale Intervention zunehmend erotisierende Wirkung und ist somit das therapeutische Mittel der Wahl. Sie sind von den meisten Betroffenen bis ins höhere Alter erlernbar. Vorzeitige pharmakologische Hilfen wie etwa Tabletten zum Schwellkörpertraining aus der Gruppe um Viagra lenken den Fokus erneut auf psychopathogene Leistungsaspekte. Durch die frühzeitige Einnahme solcher Medikamente wird zu sehr das Augenmerk auf das Funktionieren der Erektion gelenkt. Das Problem wird so womöglich in den Bereich des Mechanischen, ja, des bloßen Hydraulischen gestellt. Damit können solche Pharmaka den notwendigen und wertvollen, Lebensqualität generierenden Lernprozess in Richtung Sensualität erschweren oder sogar verhindern.
Gerade nach Lebenseinschnitten wie etwa schwere Krankheiten, in deren Verlauf das Sexualleben indirekt oder sogar kausal bedingt schwere Einbußen erfährt, gewinnen Männer und Frauen durch die hier charakterisierte Herangehensweise wieder Mut und Zuversicht. Man denke nur an Gebärmutter- oder Brustkrebs bei Frauen in ihren häufig vermeintlich besten Jahren. In diesen Fällen geht es weniger um das organische Nicht-mehr-Können als um aufgebaute Barrieren aus Scham, aus durch die Krebsbehandlung verletzte Eitelkeit, kurz - um die Angst, für den Partner nicht mehr körperlich attraktiv zu sein. Diesem Umstand trägt die moderne Krebstherapie mit nicht mehr so einschneidenden Verfahren wie noch vor 20 oder 30 Jahren im Sinne des Erhalts eines akzeptierbaren Body Imaging mehr und mehr Rechnung. Und dennoch ist auch in diesen Fällen psychotherapeutische Intervention zur Annahme und Integration der Operationsfolgen sowie zur Stabilisierung des Selbstwertgefühls dringend indiziert.

Beim Prostatakrebs des Mannes liegen die Verhältnisse anders. Im Falle der auch seelisch traumatisierenden Radikaloperation droht die organische Impotenz, der Verlust der Erektion ohne Wenn und Aber. Wo aber zunächst die Hoffnung auf Sexualität nach dem Eingriff zu sterben droht, erfährt der Betroffene durch die Art des Einfühlens und Redens über Ängste, Hoffnungen und Wünsche partnerschaftlicher Sexualität seelische Befreiung von subtilen Erwartungsängsten. Diese ist gepaart mit der Lust am experimentellen, zärtlichen Berühren, Massieren und Stimulieren bis zur umfassender Bedürfnisbefriedigung beider Partner auf der Basis des krankheitsbedingt noch konkret Realisierbaren.

In vielen Fällen operationsbedingter oder anderer organischer Erektionsstörung ist der komplementäre, also unterstützende Einsatz erektionsinitiierender Medikamente empfehlenswert. Bei hormonellen Behandlungen im Verlauf von Prostatakrebs liegt die Situation wiederum ganz anders, da hier therapiebedingt eine klimakterische Situation des Mannes meist mit dem Verlust der Libido das Sexualleben zusätzlich erschwert.


Vorzeitiger Samenerguss – ein oft verheimlichtes Sexualproblem

Eine sehr störende, meist beide Partner tangierende Störung des normalen Geschlechtsverkehrs ist der vorzeitige Samenerguss (Ejaculatio praecox). Meistens kommen die betroffenen Männer zunächst zum sexualmedizinisch tätigen Urologen mit der bereits vorformulierten Diagnose einer Impotenz. Mit Impotenz meinen sie aber nicht die Unfähigkeit, selbst zur Erektion, zur Ejakulation und zum Orgasmus zu kommen. Gemeint ist ihre Im-potenz (Unpotenz, Unfähigkeit), die Partnerin zu befriedigen, da ihr eigener Sexualakt rein körperlich gesehen in ganz kurzer Zeit (oft weniger als einer Minute) abgeschlossenen ist und damit mit dem der Partnerin völlig asynchron verläuft. In den meisten Fällen besteht dieses Problem schon von Anbeginn der geschlechtsaktiven Lebensperiode. Zunächst wird es oft über Jahre verheimlicht und von den Männern verkannt. Sie wollen ihr Problem zunächst nicht wahr haben, und erst nach Erfahrungsaustausch mit Altersgenossen wird es akzeptiert. Der frühzeitige Samenerguss führt den Betroffenen daher oft erst zum Arzt, wenn eine sexuell erfahrene Partnerin den Unterschied im Ablauf des Geschlechtsverkehrs und seinem Vollzug bemerkt und schließlich zur Sprache bringt.
Da der Ejaculatio praecox keine organische Ursache zugrunde liegt, wird den Männern eine Exploration und Intervention durch einen sexualtherapeutisch versierten Psychologen empfohlen.
Verhaltenstherapeuten nehmen an, dass die Ursache dieser Störung des Sexuallebens oft weit zurück liegt. Es ist naheliegend, dass durch die Angst vor dem Entdecktwerden bei der Masturbation während der Pubertät ein Zwang zur Heimlichkeit des Masturbierens entstanden ist. Hiermit verbunden waren oft heftige Schuldgefühle, etwas Verbotenes oder gar Schmutziges getan zu haben. Angst und Schuldgefühle haben bei den jetzt Erwachsenen und damals Jugendlichen während der Selbstbefriedigung zu einer Fixierung auf das Ziel geführt, um nicht entdeckt zu werden und schnellstmöglich den Masturbationsprozess mit der Ejakulation abzuschließen. Der frühzeitige Samenerguss ist somit meist das Ergebnis frühkindlicher und pubertärer Konditionierungen des Masturbationsprozesses, der auf die spätere geschlechtliche Vereinigung übertragen wird. Die psychotherapeutische Intervention schließt die Partnerin mit ein.


Sexualtherapie - mehr als Mut machen

Paarbeziehungen können durch Funktionsstörungen im Sexualleben Schaden erleiden oder sogar gefährdet sein. Betroffene erfahren durch die oben in wenigen Zügen charakterisierte Vorgehensweise der erotischen Zwiegespräche mit sensorischer Fokussierung und fallweise individuellem Einsatz als rein komplementär zu verstehender Pharmakotherapie in jedem Falle eine neue Dimension der Sensualität. Sie erlernen das angstfreie Erleben wohltuender, befriedigender und auch erotischer Körperempfindungen in Vielfalt. Das Resultat ist eine vorher nicht erlebte Kreativität im Sexuellen und in anderen Bereichen des Zusammenlebens verbunden mit einem beglückenden Zuwachs an Lebensqualität bis ins hohe Alter.

 

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